Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Diesem Dreiklang der französischen Revolution werden wir gleich zu Beginn der kommenden Spielzeit mit Dantons Tod, später mit Fidelio und mehreren anderen Inszenierungen auf den Grund gehen.
Dabei hoffe ich, dass die Dreieinigkeit dieser drei Worte bewahrt werden kann.
Schon oft hat man uns Menschen in der Vergangenheit weismachen wollen, dass die Freiheit nur zu haben ist, wenn die Gleichheit als Ideal preisgegeben wird. Die Freiheit wurde dabei klein geredet. Als ginge es in erster Linie um die Freiheit, zu gewinnen. Oder um die Freiheit, mehr als andere zu erwerben. Oder gar um die Freiheit, so schnell zu fahren, wie das eigene Auto es hergibt.
Wenn man es so betrachtet, dann ist allerdings das Ideal der Gleichheit ein Hindernis für das Erlangen der persönlichen und individuellen Freiheit. Dann prallt die Freiheit sehr schnell an die Grenzen, die der Mangel ihr setzt. Die Freiheit zu reisen oder die Freiheit, seinen Wohnsitz frei zu bestimmen, gilt dann nicht für alle. Dann hängt die Freiheit wieder an der Gnade der Geburt am richtigen Ort und in der richtigen Familie.
Bleibt mir vom Leib mit einer solchen Freiheit; sie ist eine Freiheit der Wenigen auf Kosten der Vielen.

Ohne die Brüderlichkeit, die am Ende der Losung steht, ist die Freiheit nicht halb so viel wert. Wir dürfen und müssen dabei im selben Atemzug wie Brüderlichkeit längst auch Schwesterlichkeit denken und sagen und schreiben. Oder wir ersetzen es einfach durch das schöne Wort Menschlichkeit.

Das Wort Menschlichkeit wird in unserem Sprachgebrauch oft auf Hilfsbereitschaft in einer Form des «Sich-hinab-Neigens» – also sehr begrenzt verstanden. Menschlichkeit muss aber dasLeben auf Augenhöhe mit den anderen beinhalten, die Erkenntnis, sich selbst nichts Besseres zu dünken und die Einlösung der alten (christlichen) Aufforderung: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Und so sind wir beim zentralen Begriff aus unserem Dreiklang angekommen, bei der Gleichheit.
Wir müssen einander nicht gleichen, um einander gleich zu sein. Ein jeder kann anders aussehen und doch den gleichen Teil von Erde, Luft und Wasser beanspruchen dürfen. Nicht jeder muss dem gleichen Gott glauben, um auf dieser Welt das gleiche Recht zu haben, sie zu genießen und zu gestalten.
Einem jeden kann etwas anderes das Liebste und Wichtigste im Leben sein. Ein jeder ist anders begünstigt durch Gesundheit, Weisheit und Empathie.

Genau so laufen die Theaterfiguren durch die dramatische Handlung. Die eine als die ewig Suchende, die andere als ein Glückskind. Manche als blinde Seherin und manche als lachende Närrin. Sie können irren, indem sie das Glück im Golde wähnen oder darin, über allen anderen zu stehen. Doch sie fassen das Glück nur, wenn es gelingt, als Gleiche unter Gleichen zu sein.

Und nichts müssen sie dabei aufgeben von ihrer Einzigartigkeit und ihrer Individualität. Im Innern jedes Menschen – das zeigt sich sehr deutlich auf dem Theater –  liegt seine Unverwechselbarkeit, seine Größe und so könnte man sagen: Dies sei mein Ideal: unter Gleichen sich als König fühlen.

Wir laden Sie mit einer Vielzahl von Inszenierungen all unserer Sparten ein, die Gedanken der Freiheit, der Gleichheit und der Menschlichkeit durchzuspielen.

 

Ihr 
Manuel Schöbel
Intendant