FREUNDE, NICHT DIESE TÖNE

Was ist geschehen, dass der Ton so rau geworden ist in unserem Zusammenleben.

Unglaubliche Szenen spielen sich auf öffentlichen Plätzen ab. Vor einem Fußballspiel fliegen Steine gegen anreisende Fans – unter ihnen Frauen und Kinder. Im Straßenverkehr wird geflucht, gedroht, geschlagen und zertrümmert. Da kann es passieren, dass wegen eines Blechschadens die Fäuste fliegen. Wer will gern Lehrer werden, wenn er hört, wie mancherorts wüste Beschimpfung und üble Nachrede in die Umgangsformen zwischen Eltern und Schule Einzug halten.

Gegenüber Politikern drohen verbale Attacken alltäglich zu werden. Nicht einmal die Privatsphäre bleibt unangetastet. Aber auch auf der politischen Ebene selbst werden ungehörige Reden geführt, es wird diffamiert und erpresst, als ob die Dramen des großen Welttheaters nachgespielt werden.

Die wunderbare Welt des Internet stellt uns nicht nur das Weltwissen zur Verfügung, sondern öffnet auch die Büchse der Pandora – in nie geahnter Weise haben alle Menschen Zugang zu Schmutz und Schrecken, Aggression und Anleitung zur Gewalt. 

Hemmschwellen werden herabgesetzt, Tabus verschwinden, Respekt geht verloren, Höflichkeit ist wohl schon verschwunden und Anstand gilt als ein altmodisches Wort.

Wer hört mal zu, wer schaut zweimal hin, wer liest nach, bevor er urteilt, aufheult, angreift? 

Was geschieht da gerade? Und was macht das mit der Kunst? Was tun wir Künstler?

Wir brauchen die Zwischentöne, die da gerade verloren gehen. Wir brauchen die Weichzeichner genauso wir die grellen Farben. Wir brauchen die Stille genau so nötig wie den Rabbatz. Wir brauchen das Nebeneinander der Sprachen und die Vielfalt als alltäglichen Konsens.

Damit man sich nicht im Ton vergreift, muss man lernen, die Zwischentöne zu gebrauchen. Wer nicht nur schwarz – weiß denken will, muss die Farbskala kennen.

So ist das Theater eine Schule des Sehens und Hörens. Eine Schule der Empfindungen. Das Theater gibt Gelegenheit zur Differenzierung, zur Abstufung, zur Verfeinerung. Das Theater ist ein vielseitiges Instrument. Seine Klaviatur reicht weit.

Wir laden Sie ein, mit uns auf die Reise zu gehen, die Farben der Welt und die Welt der Töne zu erfahren. Fremdes wollen wir Ihnen nahe bringen und Gewohntes in neuem Licht erscheinen lassen. Wir wollen Veränderung nicht als Schrecken begreifen und einander Mut machen, ohne zum Übermut herauszufordern – dass der Blick ins Leben uns nicht erstarren lässt – dass wir trotz vieler Enttäuschung und großer Trauer die Hoffnung nicht fahren lassen auf ein menschliches Antlitz der Welt.

 

Ihr Manuel Schöbel

Intendant

 

Bertolt Brecht

aus 

O Falladah, die du hangest!

 

Da fragte ich mich: Was für eine Kälte

Muß über die Leute gekommen sein!

Wer schlägt da so auf sie ein,

Daß sie jetzt so durch und durch erkaltet?

So helft ihnen doch! Und tut das in Bälde!

Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!