THEATERPREDIGTEN UND THEATER IM SAKRALEN RAUM

Pfarrer Christof Heinze

Dramaturgin Uta Girod im Gespräch mit Pfarrer Christof Heinze

 

Uta Girod: Herr Heinze, unsere Zusammenarbeit begann im Jahr 2009, als wir in der Regie von Arne Retzlaff KÖNIG ÖDIPUS (Sophokles) / ANTIGONE (Anouilh) auf die Bühne brachten. Uns interessierte bei der Inszenierung vor allem die Frage nach dem Umgang mit Schuld und ob es einen Ausweg gibt aus dem tödlichen Kreislauf von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, Fragen, die sich auch in der Auseinandersetzung mit Religion stellen. Wir machten die spannende Erfahrung, dass der religiöse Blick auf das Thema den weltlichen des Theaters ungemein bereicherte. Wie erinnern Sie sich an diese erste Predigt? Welche folgten?

Christof Heinze: Im Rückblick bin ich sehr froh, dass die erste Theaterpredigt gerade mit diesen antiken Stoff en verbunden war. Das ist ja ein Urgestein für das Theater, aber auch für die Liturgie. Vieles davon ist mir bei der Arbeit daran erst bewusst geworden. Am Karfreitag 2009 beispielsweise hatte ich tagsüber meine Gottesdienste für den Tag der Kreuzigung und Haydns „Stabat Mater“ in der Lutherkirche, und abends war ich dann in einer Vorstellung, kurz vor der Theaterpredigt. Die Tragödienstoff e hatten an diesem Abend wirklich einen anderen Klang! Ich habe bemerkt, dass meine Erfahrungen in beiden Welten sich gegenseitig sehr vertiefen und auch intensivieren können. Weiter ging es 2010 mit dem „Kaukasischen Kreidekreis“ und 2012 mit Tschechow. Zu den „Drei Schwestern“ hatte ich erstmals eine Partnerin zur Dialogpredigt eingeladen, ebenso wie 2013 zum „Johanna“-Projekt, das als „Theater im sakralen Raum“ in der Lutherkirche gespielt worden ist. In unregelmäßigen Abständen ging es weiter bis zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ Ende November 2019.

UG: Mit Ihren Predigten ohne rituellen Charakter belebten Sie eine Tradition wieder, die als Dialog zwischen Bühne und Kanzel im Herbst 89 in der DDR eine große Rolle spielte. Hatten Sie bereits Erfahrungen mit Theaterpredigten?

CH: Nein, da waren meine eigenen auch meine ersten, 20 Jahre später, und ich hatte vorher auch noch keine gehört. Es bleibt mir aber unvergesslich, wie sich die Schauspielerinnen und Schauspieler damals auf die Bühne gestellt und statt zu spielen auf einmal „gepredigt“ haben, in die Situation hinein. „Wir treten aus unseren Rollen heraus“, das war, glaub ich, der erste Satz. Und der war großartig, denn in Krisen machen wir das immer: Wir treten aus unseren Rollen heraus. Das betraf auch alle im Zuschauerraum.

UG: Im Jahr 2011 erweiterten wir unsere Zusammenarbeit und starteten die bis heute fortgeführte Reihe THEATER IM SAKRALEN RAUM mit Arne Retzlaff s Inszenierung NATHAN DER WEISE als Antwort auf bereits damals auszumachende Tendenzen der Ausgrenzung, Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit, des Rassismus und zunehmender Gleichgültigkeit. Begleitet wurde die Aufführung von einem jüdischen, einem muslimischen und einem christlichen Musiker. Nach einer szenischen Lesung in der Synagoge in Dresden wandelten Sie das Format der Theaterpredigt in ein offenes Gespräch mit Gläubigen anderer Religionen und Atheisten. Welche Erfahrungen machten Sie mit diesem Format?

CH: Das war ein wundervoller Abend, und der „Nathan“ ist ja ein Stoff , der nach so etwas verlangt und im Grunde gar nichts anderes zulässt, jedenfalls keinen Monolog von einer Seite. Zerrbilder, Vorurteile und Klischees haben ja zur Voraussetzung, dass man sich nicht begegnet. Wo man einander hört und sich in die Augen schaut, schmelzen sie meistens weg wie Schnee in der Sonne. Ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen unter uns Menschen. In kleinerer Münze hat sich das auch nach vielen anderen Theaterpredigten ereignet, wenn wir anschließend im Foyer noch ein bisschen was getrunken und miteinander geredet haben.

UG: Theater in sakralen Räumen ist durchaus nichts Selbstverständliches. Und doch sind Theater und Religion ja im Ursprung eng verwandt. Woher kommt ihrer Meinung nach die Skepsis?

CH: Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, in denen die Kirche den Menschen vorschreiben konnte, was sie zu glauben, zu denken oder zu tun haben. Es steckt aber tief im kollektiven Gedächtnis von Theaterschaff enden, was beispielsweise zwischen Lessing und dem Hauptpastor Goeze gelaufen ist. In der späten Antike haben Tertullian und andere Kirchenväter die „Spectacula“ fanatisch bekämpft und damit für Jahrhunderte die Theologen geprägt, die ihre Schriften studiert haben. Da ist wohl viel Argwohn, Ignoranz und Misstrauen durch die Generationen gereicht worden. Umgekehrt haben Theaterleute die Religion lange mit Machtansprüchen, Doppelmoral und Übergriffi gkeit verbunden und zumindest als einen Bereich empfunden, wo man ständig mit so etwas rechnen muss. Und der letztlich unfrei ist und infolge dessen nichts Interessantes hervorbringen kann. Das sind lange Geschichten, und am besten arbeitet man daran, indem man zusammen arbeitet.

UG: Kirche bedient sich ja (wie Theater) der Darstellung und Inszenierung. Und eine der wesentlichsten Aufgaben beider Institutionen besteht darin, Sinn und Ziel des menschlichen Daseins stets aufs Neue zu befragen. Sehen Sie noch andere Gemeinsamkeiten?

CH: Ich weiß, dass das letzten Endes unverfügbar ist, aber manchmal streift einen etwas, was dann gleich wieder weg ist. Was aber wiederkommen kann, einfach dadurch, dass es kurz einmal da war. Ich erinnere mich an tiefe Momente sowohl in Gottesdiensten als auch im Theater, wo mich so etwas berührt hat wie ein gefühlter Sinn von allem, und sei es auch flüchtig. Meine erste religiöse Erfahrung ist ja nicht aus der Kirche, sondern aus „Hänsel und Gretel“, also der Humperdinck-Oper. „O rühr mich an, dass ich erwachen kann“ – da hatte ich als Kind nasse Augen, wie bei der vorübergehenden Ahnung von etwas ganz und gar Wunderbarem. Es war eben auch gut inszeniert. Seitdem ist ein Gefühl dafür in mir verankert, dass „Erlösung“ ein Riesenthema ist im Leben, oder Befreiung. So etwas kann auch in einem guten Gottesdienst passieren. Es ist immer die gleiche Partitur, oder das Ritual. Es ist aber offen, ob dabei etwas mit mir passiert und was. Gegenwärtig ist es wohl auch eine Gemeinsamkeit, dass Theater und Liturgie immer mehr danach streben, den interaktiven Raum zu erkunden und zu erweitern, hin zum Publikum oder zur Gemeinde.

UG: Was reizt Sie an einer auf Inszenierungen bezogenen Predigt?

CH: Ich finde es immer aufregend, wie wir Stoffe interpretieren, ob es dabei nun um Kain und Abel geht oder um Penthesilea. Es steht ja nicht einfach ein für allemal fest, was da los ist und worum es geht. Und ich mag es, gespannt zu sein, auch auf Sachen, die ich schon kenne oder meine zu kennen. Bühnenbilder, Kostüme, Laufwege, Musik, Stimmführungen und Bewegungen – da tun sich immer wieder Welten auf, und diese Überraschungen faszinieren mich. Für mich ist es ungeheuer erfrischend, bei Bibeltexten wie bei Theaterstücken, wenn ich Dinge darin entdecke, die ich bis dahin noch nie sehenden Auges wahrgenommen hatte. Berührend und erhellend waren für mich auch viele Begegnungen und überhaupt der Austausch mit denen, die gespielt und inszeniert haben.

UG: Wie nähern Sie sich den Stücken?

CH: Am liebsten habe ich sie vor der Theaterpredigt in der Inszenierung auf der Bühne gesehen, wo man die jeweiligen Akzente am besten wahrnimmt. Wo es mir gestattet wird, gehe ich auch gern in die Proben. 2019 haben zwei Theaterpredigten vor der Premiere stattgefunden, zu Stoff en, die ich gut kannte. Die konnte man dann auch hören wie eine Einführung in das Stück, aus einer religiösen Perspektive, die ich mitbringe. In den 10 Jahren mit den Theaterpredigten sind mir Stücke begegnet, die schon lange mit mir gehen und mit denen ich eine Geschichte habe. Es waren aber auch Sachen dabei, die mir neu waren – „Verbrennungen“ etwa oder „Ein Winter unterm Tisch“. An diese beiden Entdeckungen erinnere ich mich besonders gern. Da hab ich natürlich auch erst einmal viel gelesen oder mit Freunden darüber geredet.

UG: Zu welchem Text der Weltdramatik würden Sie gern noch einmal eine Predigt halten?

CH: Ich liebe ja Shakespeare und bin auch immer wieder gern einmal in Stratford. Es hat sich aber in diesen 10 Jahren nichts ergeben mit Shakespeare, auch wenn es ein paar Gelegenheiten gab, Lear zum Beispiel oder den Sommernachtstraum – beides wunderbare „Predigttexte“. Möglicherweise klappt das mal. Ansonsten habe ich an zwei Abenden an Gottfried Reinhardt erinnert, besonders beim letzten zu „Mahagonny“. Vielleicht ist es ja Spinnerei, aber zu einem Bühnenprojekt mit Stoff en aus seinem Puppentheater würde ich für eine Theaterpredigt sofort zusagen.


 

Das Interview entstand für die Broschüre "Theaterpredigten 2009 - 2019 - Christof Heinze" im Rahmen des 75-jährigen Jubiläum der Landesbühnen Sachsen 2020. 

Die Broschüre finden Sie kostenfrei in der Theaterkasse Radebeul und der Lutherkirche Radebeul. 

 

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